Die Entschlüsselung des Schwarzen Todes

In nur fünf Jahren tötete sie ein Drittel aller Europäer: die Pest des Mittelalters. Ein internationales Forscherteam mit dem Tübinger Paläogenetiker Johannes Krause entschlüsselte nun das Genom des Erregers.

von Hendrik Rohling

Dem Schwarzen Tod fielen zwischen 1347 und 1351 etwa 25 Millionen Menschen in Europa zum Opfer. Es handelt sich damit um die größte bekannte Bakterienepidemie der Menschheitsgeschichte. In Kooperation mit Wissenschaftlern der McMaster University in Kanada gelang nun dem Genetiker Johannes Krause von der Universität Tübingen die vollständige Entschlüsselung des Genoms des mittelalterlichen Pesterregers, dem Yersinia-pestis-Bakterium. Johannes Krause ist seit 2010 Juniorprofessor am Tübinger Zentrum für Archäologie. Er hat bereits an der Sequenzierung des Erbguts des Neandertalers mitgearbeitet.

Ihren Ausgangspunkt hat die Erforschung des Pesterregers auf dem Friedhof East Smithfield in London. Dieser wurde nur zwischen den Jahren 1348 und 1350 genutzt. Die Hoffnungen hier auf Überreste des Pathogens zu stoßen, sind groß. Aus den Zähnen von 100 Skeletten wird Knochenmehl entnommen. Nur 0,0005 Prozent der darin enthaltenen DNA gehört jedoch zum Pathogen – die meisten Erbgutmoleküle stammen von anderen Bakterien und Pilzen. Ein weiteres Problem besteht darin, dass die Pest-DNA nur noch in kleinsten Bruchstücken vorliegt.

Eine neue Methode muss angewandt werden, um die DNA zu extrahieren, das „molekulare Angeln“. „Wie für das Angeln von Fischen ist auch hier ein Köder notwendig“, erklärt Johannes Krause. Dazu dient die DNA der heutigen Yersinia-pestis-Bakterien. Diese wurde auf eine Glasscheibe aufgetragen. Nur ähnliche DNA-Moleküle konnten hängenbleiben: der Pest-Erreger des Mittelalters.

Das Ergebnis: Nur durch wenige Mutationen unterscheidet sich der Erreger der mittelalterlichen Pest von heute noch vorkommenden Yersinia-pestis-Bakterien. Diese kosten jährlich etwa 2000 Menschen das Leben. Die Krankheit ist aber mit Antibiotika behandelbar. Die Entschlüsselung bietet auch die Möglichkeit, einen Stammbaum des Erregers zu erstellen. Die Geburt der humanpathogenen Stämme des Bakteriums, das über Flöhe von Ratten auf den Menschen übertragen wurde, liegt im Mittelalter. Alle heute für den Menschen gefährliche Pestbakterien sind Nachfahren dieser mittelalterlichen Pest. Frühere Epidemien wie die Justitianische Pest des 6. Jahrhunderts, die für den Verlust der Vorherrschaft des römischen Reichs mitverantwortlich gemacht wird, müssen durch einen anderen Erreger ausgelöst worden sein.

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