Ritalin – Doping fürs Gehirn

Zuletzt noch als Trend in den USA bekannt, wird inzwischen auch in Deutschland mehr und mehr zu sogenannten „smart pills“ gegriffen. Der Medikamentenmissbrauch zieht sich dabei durch alle Gesellschaftsschichten und macht auch vor Studenten nicht halt. Ein Tübinger Student berichtet von seinen Erfahrungen mit Ritalin.

Von Joachim Schmid

Es ist Juli, Prüfungszeit an der Universität Tübingen. An diesem Morgen finden sich die ersten Studenten im Hörsaal 001 in der Keplerstraße ein. Bei den anwesenden Examenskandidaten ist die Anspannung zu greifen. Wo die einen versuchen, sich mit Traubenzucker und Energiedrinks den letzten Kick für ihre Leistungsfähigkeit zu geben, setzen andere auf Obst und eiweißreiche Nahrung, um wach und aufmerksam zu bleiben. Auf einer Bank vor dem Prüfungsgebäude sitzt gelassen und in seinen Aufzeichnungen blätternd der Student Kai (Name von der Redaktion geändert). Kai ist Mitte Zwanzig. Er wirkt auf den ersten Blick unauffällig und doch bewältigt er sein Studium mit überdurchschnittlichen Noten ohne „allzu großen Aufwand“, wie er sagt. Wenn man ihm eine Frage zum Prüfungsthema stellt, bringt sein Gehirn die auswendig gelernten Informationen blitzschnell zusammen. Seine präzise Antwort überzeugt.

Mit der Zeit rückt die Klausur näher und näher. Auch Kai will nicht ganz unvorbereitet in die Prüfung gehen und begibt sich in eine Seitenstraße. „RITALIN, 10 mg“ steht in großen schwarzen Buchstaben auf einer orangefarbenen Pappschachtel, die Kai aus seiner Tasche zieht. Er nimmt eine Pille in den Mund und schluckt sie mit einem kräftigen Zug aus einer Wasserflasche hinunter.

Ritalin, auch bekannt als Methylphenidat oder in leicht veränderter Form unter dem Namen „Pep“ ist ein Amphetamin und wird eigentlich als Medikament eingesetzt. Es wird hauptsächlich zur Behandlung von Kindern mit dem Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätssyndrom, kurz ADHS, benutzt. Das Medikament beeinflusst den Stoffwechsel des Gehirns. Methylphenidat wirkt wie ein Schalter, der im Gehirn des Konsumenten umgelegt wird. Durch Ritalin kann man schwerer abgelenkt werdenund das Filtern relevanter von unrelevanten Informationen wird verbessert. Diese Blockade hält nur so lange an, wie das Medikamentes unmittelbar wirkt.

Da sich die Wirkung des Medikaments nicht nur auf die Lernfähigkeit und die Konzentration beschränkt, sondern auch zu verbesserten kognitiven und motorischen Fähigkeiten führt, werden Amphetamine mehr und mehr auch im Alltag benutzt. Für Kai hat sich durch die Einnahme von Ritalin und des Amphetamins „Pep“ längst viel mehr verändert als sein Lernverhalten: „Das Problem ist, dass ich inzwischen ohne Amphetamine keine Motivation finde, etwas zu unternehmen“, kommentiert er abgeklärt, „Musizieren, Computerspiele oder auch Filme bekommen durch die Drogen eine andere Qualität.“ Auch sein Schlafverhalten habe sich verändert. Er schlafe teilweise nur noch alle zwei bis drei Tage und dann nur durch die Hilfe einer beruhigenden Droge, wie beispielsweise Marihuana.

Die Geschichte des Drogenkonsums reicht weit zurück. Wo anfänglich Rauschmittel aus spirituellen und heilenden Gründen eingesetzt wurden, lässt sich in der heutigen Zeit mehr und mehr ein Trend feststellen, der die Funktionalität von Drogen in den Vordergrund rückt. Durch die enormen Fortschritte in der Chemie sind wir heute in der Lage, jede Droge auf deren Wirkstoffe hin zu untersuchen und synthetisch zu reproduzieren oder neu zu erfinden. Zu diesen synthetischen Drogen zählen beispielsweise die „Party-Droge“ Ecstasy, das Amphetamin Speed oder eben auch Ritalin. Mit diesen chemischen Produkten soll eine erhöhte Gehirnfunktion erreicht und kognitive und motorische Fähigkeiten des Konsumenten gesteigert werden – teilweise mit katastrophalen Nebenwirkungen wie Herzstillstand oder Schlaganfällen.

In den Phasen, in denen er keine Amphetamine nehme, werde er zunehmend depressiv, erklärt Kai bei dem Gespräch mit ihm in einem Café, während er lustlos in seinem Salat herumstochert. Wirklichen Appetit habe er schon lange nicht mehr verspürt. Auch leide er unter häufigen Kopfschmerzen, nervösen Muskelzuckungen und trockenen Schleimhäuten. Für den Tübinger Studenten ist seine Sucht aber auch ein soziales Problem geworden: „Ich merke wie ich mich mehr und mehr isoliere. Auf Pep macht alles genug Spaß, auch wenn ich alleine bin.“ Wenn er dann trotzdem versuche unter die Leute zu kommen, entwickle er schnell Aggressionen, vor allem wenn andere nicht mit seinem Tempo mithalten können.

In anderen Momenten überwiegt für Kai dann aber wieder der positive Effekt der Droge. „Ich lerne durch die Droge wie eine Maschine. Wenn ich beispielsweise in der Universitätsbibliothek lerne, kann ich mich stundenlang auf ein Buch konzentrieren ohne einmal aufblicken zu müssen. Mein Gehirn wird nie müde, mit Informationen gefüttert zu werden. Und das Beste ist, dass ich mir das meiste davon merken kann.“

Nicht erst seit der Behandlung aufmerksamkeitsgestörter Jugendlicher und Kinder mit solchen Mitteln, stehen synthetische Leistungssteigerer im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Schon im zweiten Weltkrieg war der pragmatische Nutzen von Drogen bekannt und wurde unter anderem beim US-amerikanischen, deutschen und japanischen Militär eingesetzt, um das Leistungs- und Durchhaltevermögen der Soldaten zu erhöhen. Längst haben diese synthetischen Mittel auch Einzug in schulische, akademische oder berufliche Kreise erhalten. Heute sind Fälle des Drogenmissbrauchs vom Abiturprüfling bis zum Chirurgen bekannt. Zwischen 1993 und 2003 ist die Zahl der Ritalin-Verschreibungen weltweit um rund 270 Prozent gestiegen. Da ADHS bisher noch sehr vage auf seine Ursachen hin untersucht ist, kommt es häufig zu absichtlich provozierten Fehldiagnosen, um auf legalem Weg an die Substanzen heranzukommen. Claus Normann von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde kennt das Problem. „Es kommt immer wieder vor, dass sich Studierende mit Medikamenten für eine Hausarbeit oder eine Prüfung versuchen, fit zu machen“, sagt er. Die DAK spricht derweil von 800.000 gesunden Menschen, die die Medikamente benutzen. Eine Studie der Universität Mainz beispielsweise bescheinigt zwar „nur“ 1,6 Prozent der befragten Studenten solche Stimulanzen, doch sprachen sich nur rund 15 Prozent gegen einen eventuellen Konsum aus.Die Grenze zwischen Droge und Medikament verwischt immer mehr. Während allgemein bekannte Drogen und deren Nutzer einer genauen, moralischen Wertung unterliegen, ist beim Missbrauch von Medikamenten wie Ritalin die Illegalität nicht klar definiert.

Kai stößt einen kurzen Atemstoß aus. „Es ist doch sekundär heutzutage, ob es unmoralisch oder sogar Betrug ist“, findet er, „Bei dem Erfolgsdruck und Kokurrenzdenken ist doch nur entscheidend, dass am Ende die eins steht.“ Inzwischen finden sich die letzten Studenten auf ihren Plätzen im Hörsaal 001 ein. Vorne wird der Beginn der Prüfung angekündigt. Kai kaut auf seinem Stift und ordnet seine Gedanken. Er fühlt sich gut vorbereitet.

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