Ein Exot auf universitärem Parkett

Bereits zum WS 2011/2012 werden die ersten Studenten ihr Studium am neuen Zentrum für islamische Theologie aufnehmen. Die Grundsteine sind bereits gelegt, es bleibt aber noch vieles zu planen, noch mehr umzusetzen – und die Uhr tickt.

von Hannah Kommol und Isabel Kommol

Mit dem „Zentrum für islamische Theologie“ kommt eine, für die deutsche Hochschullandschaft, neue und junge wissenschaftliche Disziplin an die Eberhard Karls Universität. Seinen Exotenstatus erhält das Zentrum zum einen dadurch, dass es deutschlandweit nur ein einziges Pendant in Münster/Osnabrück gibt. Zum anderen weil es sich im Gegensatz zu den bereits bestehenden säkularen Islamwissenschaften erstmals um ein islamisches Theologiestudium handeln wird. Dementsprechend können sich die zukünftigen Absolventen zu Imamen, muslimischen Religionslehrern oder Sozialarbeitern ausbilden lassen. Auch Anstellungen bei der Presse, in Kommunen oder bei Vereinen und Verbänden sind denkbar. Hier werden sich die Berufsfelder, in denen die Absolventen dann tatsächlich Fuß fassen können, erst im Laufe der Zeit herauskristallisieren.

Interdisziplinarität hat einen hohen Stellenwert

Zunächst werden alle Studenten im vierjährigen Bachelor büffeln. Arabisch wird Pflichtfach sein, da zur Lektüre des Korans in der Originalsprache alle fähig sein sollen. Weiter wird auf die Interdisziplinarität im Studium Wert gelegt. Möglichkeiten hierfür bieten unter anderem die Pädagogik, die Medienwissenschaften, die Rhetorik oder auch die Soziologie. Der Besuch von Lehrveranstaltungen dieser Fachrichtungen könnte bis zu einem Drittel der zu belegenden Kurse ausmachen. Viel weiter ist die Planung zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch nicht gediehen. So hat das Asien-Orient-Institut bisher keine genauen Infos für eine Kooperation erhalten. Und dies, obwohl der Planungsaufwand bei interdisziplinären Lehrveranstaltungen besonders groß ist. Bisher lediglich persönlicher Wunsch von Rektor Bernd Engler ist ein verpflichtender Auslandsaufenthalt der Studierenden. Nach zwei Jahren gemeinsamer Grundlagen werden sich die Studenten dann spezialisieren und dies im Master vertiefen können. Doktoranden promovieren an einem Graduierten-Kolleg und auch einige Postdoktoranden sollen noch Unterschlupf finden.

Jene können später sogar auf eine Anstellung in Tübingen hoffen. Es ist denkbar dass der eigene, gut ausgebildete Nachwuchs mögliche Lücken im Lehrkörper schließen wird. Denn diese Problematik zeigt sich bereits jetzt schon mehr als deutlich. Die Seltenheit des neuen Fachbereichs macht die Suche nach geeigneten Professoren außerordentlich schwierig. So gibt es bspw. für das islamische Recht in Deutschland lediglich zwei Experten. Aus diesem Grund werden die zu besetzenden Professuren international ausgeschrieben. Zusätzlich fordert auch das Prinzip der Bestenauslese seinen zeitlichen Tribut. Trotzdem sollen, so der ehrgeizige Plan, bereits zu Beginn des WS 11/12 drei bis vier der sechs Lehrstühle fest besetzt sein. Die Abdeckung dann noch offener Fachgebiete soll durch Gastprofessoren gewährleistet werden. Diese müssen selbstverständlich – wenn nicht deutschsprachig – so wenigstens des Englischen sehr gut mächtig sein, um Sprachbarrieren zwischen Professoren und Studenten zu vermeiden. Grund zur Sorge, man hole sich radikale Ansichten und Überzeugungen ins Haus, bestehe nicht. „Denn die Auseinandersetzung mit dem Islam auf wissenschaftlichem Niveau lässt dieses Risiko verschwindend gering werden“, so Rektor Prof. Engler.

Keine dritte theologische Fakultät

Zum Start im Winter dieses Jahres wird das Zentrum für islamische Theologie 40 Erstsemestern seine Türen öffnen. Diese Anzahl wird in den folgenden Jahren konstant bleiben. Für eine vollwertige Fakultät ist das Zentrum daher vorerst zu klein. Eine Gleichstellung mit den bestehenden Fakultäten soll aber selbstverständlich gewährleistet sein. Dafür wird ein ihnen analoger Rechtsstatus geschaffen. Rektor Bernd Engler hebt ausdrücklich hervor: „Es wird jedoch keine Sonderrolle im universitären Gebilde geben“. Für die räumliche Unterbringung muss eine Übergangslösung gefunden werden. Die Villa Köstlin und die Alte HNO Klinik haben es in die engere Auswahl geschafft. Die Entscheidung, welches Gebäude die Studenten beherbergen wird, steht aber noch aus. In drei bis vier Jahren soll der eigens für das Zentrum geplante Neubau realisiert sein. Dieser wird sich dann in unmittelbarer Nähe zu den anderen beiden Theologien befinden.

Das Interesse an den Studienplätzen kann bisher niemand einschätzen. Daher ist eine zulassungsfreie Einschreibung vorgesehen. Sollte es zu viele Bewerber geben, lassen sich Zulassungsvoraussetzungen aber nicht vermeiden. Ob die Abiturnote oder eine Aufnahmeprüfung ausschlaggebend sein wird, ist noch nicht entschieden. Die Zahl der Neuankömmlinge könnte sich außerdem auch auf die bereits bestehenden Lehrkapazitäten auswirken. Diese sind im Moment nur für den bisherigen Unibetrieb ausgelegt. Zur Bewältigung des zusätzlichen Lehrbedarfs entstehen daher vielleicht auch in anderen Fachbereichen neue Arbeitsplätze. Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg. Zunächst müssen die genauen Lehrinhalte festgelegt werden. Zu diesem Zweck werden gerade die Curricula von zehn internationalen Zentren ausgewertet. Mit dabei sind Universitäten aus Holland und England, aber Hauptinformationsquelle ist natürlich die islamische Welt. Auf diese Orientierungshilfe ist man auf Grund der Neuartigkeit der Wissenschaft angewiesen. Die Uni Tübingen kann ihren Studenten dabei „nichts genuin Neues“ offerieren. Das Curriculum wird sich auf bereits international bewährte Lehrinhalte stützen.

Imaminnen in Tübingen

Der Beruf des Imam wird nach wie vor fast ausschließlich von Männern ausgeübt. In Tübingen werden aber auch Frauen das Imamstudium aufnehmen können. Inwieweit die muslimischen Gemeinden die Absolventinnen annehmen, wird sich zeigen. Mit einem Bachelor sind sie zumindest theoretisch gut gewappnet. Denn ein Pendant zum theologischen Examen der christlichen Geistlichen ist im Islam nicht erforderlich.

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