Eine kleine Geschichte der Münzgasse 13

Wenn nicht gerade Samstag ist, öffnet sich immer gegen 21 Uhr die Tür zur Hausbar des Wohnheims in der Münzgasse 13. Diese Hausbar ist eigentlich nur für die BewohnerInnen des selbstverwalteten Projekts und deren Freunde vorgesehen, doch die Zahl der Gäste dokumentiert: In Tübingen kennt (fast) jeder jeden, also auch über höchstens zwei Ecken mindestens eine(n) aus der alternativ-geprägten „Münze“. Jedenfalls im studentischen Milieu linksseits des Polohemd-Äquators.

von Fabian Everding

James Hope kam 1962 mit 25 Jahren zum ersten Mal nach Tübingen. Der Australier war damals für ein Auslands-Semester nach Deutschland gekommen und dann gleich bis 1967 geblieben. Zurück in Melbourne mußte er feststellen, dass ihm das politische Leben in Tübingen fehlte. Und so kam er rechtzeitig zum sehr bewegten Jahr 1968 wieder zurück in die schwäbische Provinz. Fast zehn Jahre später zog er zum 1. März 1977 gemeinsam mit unzähligen Büchern in die Münzgasse 13. Einen Mietvertrag mußte er dazu nicht unterzeichnen, denn die Münzgasse war einen Abend zuvor von linken AktivistInnen (unter ihnen viele Studierende) besetzt worden.

Eine kleine Geschichte der Münzgasse 13
Wenn man verstehen will, warum die BesetzerInnen ’77 dem Aufruf eines Flugblatts gefolgt waren und das leerstehende Haus in Beschlag nahmen, muss man in der Geschichte ein wenig zurückgehen:

Die beginnt im Jahr 1683, als der „Neue Bau“ (direkt gegenüber dem damaligen Uni-Hauptgebäude) zum ersten Mal genutzt wurde: Als neues Studentenwohnheim für die Stipendiaten des „Martinianum“, die bis dahin in der Nähe des heutigen Wilhelmsstifts untergebracht gewesen waren. Dieses „Martinianum“ war ein Stipendium der Tübinger Martinsstiftung, die 1509 vom Stuttgarter Stiftsherrn zusammen mit dem Tübinger Stiftskirchenpfarrer ins Leben gerufen worden war. Sie sollte armen Studenten ein Studium ohne Unterhaltssorgen ermöglichen.
Bis 1923 wurde das Wohnheim von der Stiftung aufrecht erhalten und war in dieser Zeit auch Herberge für so berühmte Tübinger wie etwa den Medizinstudenten Justinus Kerner (1786-1862), der mit seinen Gedichten und Erzählungen die Keimzelle der Schwäbischen Romantik bildete.

Nach 1923 wurde das Wohnheim dann zuerst vom Tübinger Studentenwerk e.V. übernommen, bis es von den Nazis enteignet wurde. In der Folge waren in der Münzgasse 13 nicht mehr studentisches Wohnen, sondern Polizei- und Gestapo-Dienststelle untergebracht.
Als die Franzosen nach dem zweiten Weltkrieg das Ruder übernahmen, wurde das Haus weiterhin als Polizeidienststelle genutzt. Zuerst vom französischen Militär, dann von der deutschen Polizei.

Als die Polizei 1976 aus dem Gebäude auszog, hätte es eigentlich an das Studentenwerk e.V. zurückgegeben werden müssen, sagt James Hope: „Aber irgendwie mochte man dieses linke Studentenwerk nicht.“
Alles sah danach aus, als ob das Wohnheim stattdessen dem neu-gegründeten Studentenwerk AdöR (Anstalt des öffentlichen Rechts) überantwortet werden sollte. Nicht zuletzt dieses politische Hin und Her sorgte dafür, dass das Haus erstmal leerstand. Für die AktivistInnen der Moment um die Entscheidung zugunsten von e.V. zu forcieren: Man besetzte das Haus und nach einer Woche „offener Tür“ wurden die Zimmer nach einem Ausloseprinzip auf die BesetzerInnen verteilt.

Weil er bereits damals sehr viele Bücher besaß, gab sich Hope mit einem „weniger guten“ Zimmer im Untergeschoß zufrieden, dass ihm aber immerhin genügend Platz für all seine Bücher bot. Den Umzug mit all den Büchern als „Alptraum“ vor Augen, blieb er dort wohnen. Und lebt als letzter Besetzer noch heute gegenüber der Stiftskirche.

Seit seinem Einzug konnte der inzwischen 74-jährige erleben, wie sich das besetzte Haus von damals in ein selbstverwaltetes Wohnheim unter der Ägide von Studentenwerk e.V., aber im Besitz von Studentenwerk AdöR gewandelt hat. Denn die Besetzung konnte zwar die Selbstverwaltung retten, aber nichts an den Besitzverhältnissen ändern: Die große Studentenwerks-Anstalt des öffentlichen Rechts, die mittlerweile zum Studentenwerk Tübingen-Hohenheim fusioniert ist, besitzt das Haus offiziell. Um den BewohnerInnen entgegen zu kommen, wird es allerdings vom Verein des Tübinger Studentenwerk e.V. verwaltet. In der Praxis zahlen also die BewohnerInnen ihre Miete an das StuWe e.V., von wo es aber letztlich ans StuWe AdöR weitergeleitet wird.

Dass es keine Begrenzung der Wohnzeit gibt und auch Nicht-Studierende im Haus wohnen dürfen, ist auch ein Erfolg der Besetzung. In diesen Punkten gibt es einen Interessenskonflikt zwischen MünzgässlerInnen und dem StuWe AdöR, denn das würde die Bedingungen am liebsten an die seiner anderen Wohnheime angleichen. Womit sich natürlich auch der Charakter des Hauses stark verändern dürfte. Schließlich leben die Kulturveranstaltungen im Haus vom Engagement derjenigen BewohnerInnen, die nicht noch „nebenher“ ein Bachelor-Studium am Laufen haben. Und womöglich in der Regelstudienzeit abschließen wollen.

Den letzten großen Krach deswegen gab es vor knapp 15 Jahren. Da entstand auch die Sendung „M13“ auf dem gerade erst gegründeten freien Radio „Wüste Welle“. Seitdem senden Aktive wie James Hope jede Woche Dienstags ab 14 Uhr zwei Stunden und erzählen (nicht nur) Neues aus dem Umfeld der „Münze“.

Das Wohnprojekt in der Schellingstrasse und die LU15 am Sternplatz haben eine ähnliche Geschichte und daher auch schon ähnliche Konflikte mit dem StuWe AdöR erlebt. Nach langem politischen Kampf haben beide ihre Häuser inzwischen dem StuWe abgekauft. Der Münzgasse könnte so ein Schritt auch bevorstehen, sollte das Studentenwerk AdöR eines Tages mit dem Status Quo brechen wollen. James Hope hält den Hauskauf über das Freiburger Mietshäusersyndikat für eine mögliche Option, „wenn wir dazu gezwungen werden“.

Vom Teezimmer zum Raucherraum
Eine entscheidende Veränderung seit der Besetzung war sicherlich der Umbau der ehemaligen „Polit- und Teezimmer“ in die heutige Hausbar. Dort, wo heute geraucht wird, konnte man früher im „Teezimmer“ gemütlich zusammensitzen. Das war auch die einzige Möglichkeit, denn „oben war eine Zeit lang alles schwer verriegelt“, erinnert sich Hope. Man mußte damit rechnen, dass es zur Räumung kam oder dass „Faschos oder andere Störenfriede“ die Münzgasse angriffen.
1981 kam es einmal zum Kampf mit solchen Eindringlingen auf der Treppe, die zu den WGs in den oberen Stockwerken führt. Die Angreifer konnten zum Glück in die Flucht geschlagen werden. Dass einer von ihnen wenig später in jenem Teil des Hauses ein Feuer gelegt hat, der seitdem zu einem Innenhof geworden ist, kann man nur vermuten. Dafür spräche immerhin, dass nur wenige Tage zuvor schon mal ein kleineres Feuer im Gebäude entstanden war: Jemand hatte offenbar Zeitungen vor dem Teezimmer angezündet.

Im großen Raum, dort wo heute die Bar ist, trafen sich früher vor allem marxistische und andere linke Gruppen und es gab explizit linke Kulturveranstaltungen und Tagungen. Heute finden von Zeit zu Zeit immer noch Konzerte oder Lesungen statt. Aber politische Gruppen treffen sich tagsüber nur ausnahmsweise mal oder sitzen – zusammen mit den anderen Gästen – abends beim Bier an einem der alten Holztische.

Dieser Wandel begann im August ’82: Die Polit-Veranstaltungen ließen nach, die Räume waren „ein wenig heruntergekommen“ und wurden vor allem von einigen „Sozialfällen besetzt gehalten, aber in ihrem Sinne“: „Sie haben gesoffen und einmal die Wände eingeschlagen und einmal brannte es in einem Sofa wegen einer Zigarette“, erzählt Hope: „Als Linker konnte man sie nicht so mit gutem Gewissen vertreiben, aber ab einem gewissen Punkt wurde es zuviel.“
Zugleich gab es schon länger Initiativen im Wohnheim eine Hausbar zu gründen, durch die man die Geselligkeit fördern und auch etwas Geld verdienen konnte. So wurde in monatelanger Arbeit alles umgebaut und im Mai ’83 die Hausbar geöffnet.

Eigentlich sind es nur kleine Veränderungen, die den Raum heute wohl ganz anders wirken lassen, als er damals ausgesehen haben muss: An den Säulen waren noch von der Polizei Holztafeln, die man entfernte, außerdem Briefkästen, von denen die Deckel abgemacht wurden. Die Holzvertäfelung der Wände, die sich bis auf Schulterhöhe zieht, hat man blau angestrichen, die Wände darüber in rot. Eine Bar wurde gebaut. Erst aus Holz, später dann mit Metall. Und natürlich all das, was zu einer Bar sonst noch dazugehört, wie etwa die Beleuchtung.

Jeden Monat organisieren die Aktiven der Hausbar mindestens eine Kultur-Veranstaltung, an der sie selbst auch Spaß haben: Ob das nun die Lesung (!) eines alten Punkrockers wie Lee Hollis ist, der schräge Anekdoten aus seinem Leben erzählt und dabei gar nicht wie ein Punkrocker auftritt oder ob die „Leopold Kraus Wellenkappelle“ ein Konzert mit „Surf-Musik aus dem Schwarzwald“ gibt. Gemacht wird was gefällt und was sich über persönliche Kontakte der MünzgässlerInnen ergibt. So etwa die Signierstunde mit Live-Portrait-Zeichnung durch Don Rosa im letzten Oktober. Den profilierten Autor der Comic-“Biographie“ von Dagobert Duck („Sein Leben, seine Milliarden“) hätte man im Rahmen seiner Signier-Tour durch Europa vielleicht eher bei Osiander als in der Hausbar eines linken Wohnprojekts erwartet.

Hoffentlich bleibt die „Münze“ (nicht nur) Ihren BewohnerInnen noch lange in dieser Form erhalten!

(Dieser Artikel ist im Frühjahr 2011 in Kupferblau Ausgabe 24 erschienen.)

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